Capture the flags

Der Wettbewerb

Gegen den Wahn – Nie wieder Nationalismus – Warum wir das tun

 

Jetzt ist es wieder soweit. Die Fußballweltmeisterschaft der Männer startet am 14.06.2018 und viele fiebern schon darauf hin endlich wieder Flagge zeigen zu dürfen und sich im Freudentaumel der Liebe zur eigenen Nation hingeben zu können. Zunächst könnte man annehmen, dass es dabei schlussendlich nur um Fußball geht. Doch ziemlich offensichtlich geht es während der Fußballweltmeisterschaft in erheblichem Maß um ganz andere Dinge. Wenn sich ein Fahnenmeer der Nationalfarben über die Karosserielandschaft legt und sich völlig fremde in den Armen liegen, weil „Deutschland“ gewonnen hat, wird offenbar, dass es eben nicht nur um Fußball geht.

Wenn die Spieler, die Bürger*innen, die Politik und die Werbeindustrie das Land großflächig in den Nationalfarben bedecken, dann berührt dieser Umstand viel mehr als die Kunst einen Ball zu treten. Stattdessen wird hier die nationale Zusammengehörigkeit zelebriert, eine Gemeinsamkeit – hierzulande deutsch zu sein – wird behauptet und man fiebert eben nicht nur mit der deutschen Nationalelf mit, sondern man fiebert mit, weil die deutsche Elf stellvertretend für diejenige Gemeinschaft antritt, der man sich sowieso schon zugehörig fühlt. Viele beanspruchen für sich dabei einen „gesunden“ Patriotismus zu pflegen, der eben keine andere Nation abwertet, übersehen dabei jedoch, dass Patriotismus nur Nationalismus im Nadelstreifenhemd ist. Die Wurzel des Problems steckt bereits im nationalen Denken selbst. Die Einteilung in ein Wir und die Anderen ist bereits vollzogen und bringt dabei folgenschwere Konsequenzen mit sich.

Zunächst muss darauf hingewiesen werden, dass das Nationalgefühl, auf welches sich hier bezogen wird, einem Gegenstand der Imagination entspringt. Die Nation manifestiert sich zwar in sichtbarer und oft auch äußerst brutaler Weise zum Beispiel in Form territorialer Grenzen. Die vermeintlichen Gemeinsamkeiten unter den Angehörigen einer Nation, welche daraus abgeleitet werden, entspringen jedoch der Fiktion. Vielmehr muss die Nation als imaginierte Gemeinschaft bezeichnet werden, in der unabhängig von tatsächlicher Ungleichheit und Ausbeutung, ein Wir entsteht, das als vermeintlich natürlich dargestellt wird. Doch die Nation ist ein Konstrukt, das nur solange Bestand hat wie Menschen daran glauben.

Denn tatsächlich lassen sich diese angeblichen Gemeinsamkeiten im Alltag nicht wahrnehmen beziehungsweise sind sie schlicht nicht haltbar. Während Unternehmen Löhne drücken, verzichten Gewerkschaften um der deutschen Wirtschaft willen auf Lohnerhöhungen. Während Vermieter*innen um der Profitmaximierung willen immer höhere Mieten verlangen, bezeichnen Politiker*innen von CDU bis Grünen Hausbesetzungen als skandalös und als Rechtsbruch. Das sind nur zwei Beispiele, die vielmehr erkennen lassen, dass die Gegensätze so alltäglich zu erfahren sind, dass man die Idee der großen Gemeinschaft wirklich in die Mülltonne treten könnte. Stattdessen muss die Nation und der Nationalismus als Herrschaftsverhältnis verstanden werden. Die Nation verschleiert Gegensätze. Sowohl der Staat, das Patriarchat als auch der Kapitalismus können sich auf die Nation verlassen als Maske für Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse.

Denn all die Menschen die massenhaft die deutschen Nationalfarben auf ihren Autos, Balkonen und ihren Gesichtern platzieren, verleihen damit eben jenen politischen wie ökonomischen Verhältnissen Legitimation und einen positiven Ausdruck, unter welchen sie jeden Tag zu kämpfen haben. Der Staat als Garant für die Aufrechterhaltung der Eigentumsverhältnisse, sowie als ein Garant für das Fortbestehen der Konkurrenzgesellschaft profitiert vom Nationalismus ebenso wie der Kapitalismus selbst. Die patriarchalen Verhältnisse dieser Gesellschaft werden zu Zeiten der Weltmeisterschaft ebenso noch offensichtlicher als sie es sowieso schon sind. Sexistische Werbung mit leicht bekleideten Frauen in Deutschlandfarben, chauvinistische Sprüche, wie sie im Fußball sowieso häufig vorzufinden sind, sind auf den Fanmeilen fester Bestandteil und die Zunahme sexualisierter Übergriffe sind nur erneut einige Beispiele.

Unter dem Banner der Nation zählt das große Ganze – Deutschland als Schicksalsgemeinschaft. Dass Deutschland Armut, Ausgrenzung und Leistungszwang bedeutet, kann man schon mal vergessen bei dem ganzen nationalen Taumel vor den Fernsehbildschirmen. Vielmehr scheint es dabei noch so, als dass die Menschen gerne daran teilnehmen.

„Wer im Alltag gedemütigt wird, sucht Zuflucht im Opium des Kollektivstolzes“. In der nationalen Gemeinschaft verblassen die Widersprüche der eigenen Existenz kurzzeitig und der kollektive Taumel lässt viele Menschen vergessen was die brutalen Konsequenzen dessen sind, worauf eben jene große schwarz-rot-goldene Party eigentlich begründet ist. Diese Konsequenzen manifestieren sich auch in direkter Art und Weise, wenn wie beispielsweise bei der Weltmeisterschaft 2006 der deutsche Mob in Sachsen Migrant*innen durch die Straßen jagt und Dönerbuden angreift. Die Verhältnisse in Deutschland haben sich seitdem nicht zum Besseren gewandelt. Mit der AfD konnte sich eine offen völkisch rassistische Partei etablieren, die die Zugehörigkeit zur deutschen Nation wieder mit ethnischen Kategorien verknüpft. Exemplarisch hierfür sind die Aussagen führender AfD-Politiker bezüglich der Mitgliedschaft Jerome Boatengs und Mesut Özils in der deutschen Nationalmannschaft der Männer, wonach letzterer beispielsweise trotz deutschen Passes kein Deutscher sei. Derartige Aussagen führen mittlerweile kaum noch zu einem Aufschrei in der Gesellschaft, stattdessen haben sie sich normalisiert.

Sicherlich beteiligt sich nicht die Mehrheit der Menschen, die eben jenes Deutschland abfeiern, an derartigen Übergriffen.
Doch es bleiben zwei Seiten derselben Medaille. Neonazis, rechte Hooligans und andere Menschenfeinde leben eben das exzessiv aus, was die restliche Gesellschaft im latenten lebt: Die Liebe zur Nation, die sich über die Abgrenzung zu anderen definiert. Auch wenn unter Slogans wie „Zu Gast bei Freunden“ das Bild einer weltoffenen und toleranten deutschen Nation gezeichnet wird, ändert das nichts an den grundlegenden gesellschaftlichen Zuständen, in denen derartige Übergriffe passieren und welche diese erst ermöglichen.

Schwarz-rot–geil?

Unter feindseligen Verhältnissen stiften Konstrukte wie die Nation Identität, Orientierung und Halt und ermöglicht zugleich eine Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse, die nicht dazu führt, dass eben diese auseinanderbricht. Während die Menschen sich täglich als Konkurrenten gegenüber stehen ermöglicht der Nationalismus das Aufgehen im nationalen „wir“. Der tägliche Konkurrenzkampf im Kapitalismus verschwimmt vor dem Selbstbild der nationalen Schicksalsgemeinschaft. An Stelle der eigenen Interessen tritt das Interesse der Nation und politische wie ökonomische Hierarchien erfahren über die Nation eine scheinbare Auflösung.
Auf der Fanmeile ist es egal, welcher Klasse man angehört und über wie viel materiellen Wohlstand man verfügt, im Vordergrund steht, dass man deutsch ist. Zugleich wirkt diese Ideologie ausgrenzend. Rassistische und nationalistische Übergriffe gehören zur bitteren Realität der Spieltage mit deutscher Beteiligung. Auch wenn sich meist nur ein geringer Teil der Menschen auf den Fanmeilen an derartigen Übergriffen beteiligt, wird an der Anfeindung von Menschen, die einfach keine Lust haben, sich auch noch nach Feierabend in den Dienst der Nation zu stellen, und deshalb den nationalen Taumel kritisieren, deutlich, dass es um weit mehr geht als nur um Sport.
 Während die Deutschen in heiterer Bierseeligkeit feiern geben sie ihre Zustimmung zu der Verschärfung der Lebensrealität Erwerbsloser, der systematischen Verarmung weiter Teile Europas und einer zutiefst mörderischen Flüchtlings- und Außenpolitik.

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